Technologie und Innovation sind Halbgeschwister, keine Zwillinge

Ich habe einen Zwillingsbruder. Und obwohl wir keine eineiigen Zwillinge sind, war es bei Familientreffen für niemanden leicht, meinen Bruder und mich auseinanderzuhalten. Ich war immer einer der Zwillinge. Wenn nicht der eine, dann der andere. Egal.

So oder so ähnlich kommt es mir immer vor, wenn von Innovation und Technologie die Rede ist. So beginnen Artikel, Studien und Rankings oft damit, Innovation beschreiben, messen oder bewerten zu wollen, um dann im nächsten Abschnitt von Technologie zu sprechen.

Viele Staaten glauben, Innovation zu fördern, indem sie beispielsweise Geld in Forschungs- und Technologieprojekte investieren. In einer Studie über die Innovationsfähigkeit der Europäischen Union haben die Autoren den TRL (Technology Readiness Level) als zentrales Bewertungsinstrument herangezogen. Will man aus ökonomischer Sicht berechnen, wie viel Geld ein Unternehmen in Innovation investiert, werden die Investitionen in F&E (Forschung und Entwicklung) betrachtet.

Technologie und Innovation sind nicht das Gleiche. Aber die Unterscheidung ist nicht einfach.

Was genau ist Technologie? Diese Frage erscheint auf den ersten Blick merkwürdig, denn wir alle benutzen dieses Wort regelmäßig und ohne Probleme. Die meisten von uns wahrscheinlich viel öfter als das Wort Innovation. Und doch ist diese Frage nicht so einfach zu beantworten.

Anders als das Wort Innovation stammt Technologie nicht aus dem Lateinischen, sondern aus dem Altgriechischen. Es leitet sich von den Wörtern «techne» für Kunst, Fertigkeit oder Handwerk und «logos» für Lehre oder Wissenschaft ab. Wörtlich liesse sich Technologie also als die Lehre der Handwerkskunst bezeichnen.

Was sie jedoch mit Innovation gemeinsam hat, ist die Tatsache, dass Technologie sowohl für einen Prozess, den Weg zu einem Ziel, als auch für das Ergebnis, das Ziel selbst, stehen kann.

Eng verbunden mit dem Begriff der Technologie sind die Mathematik, die Naturwissenschaften - allen voran Physik und Chemie - und die Ingenieurwissenschaften.

Etwas salopp formuliert, würde ich persönlich Technologie wie folgt beschreiben:

1) Als Prozess: Problemlösung im Zusammenhang mit physischen oder digitalen Werkzeugen, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

2) als Ergebnis: von Menschen geschaffene physische oder digitale Werkzeuge, die oft auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen.

Neue Technologien basieren häufig auf wissenschaftlichen Durchbrüchen. Und diese wiederum basieren häufig auf Paradigmenwechseln. Womit wir wieder bei der Ähnlichkeit zur Innovation wären. Denn auch hier spielt der Paradigmenwechsel, also die Betrachtung einer Sache durch ein noch nicht weit verbreitetes Denkmodell, eine zentrale Rolle.

Aber aufgepasst: Diese Gemeinsamkeit in Bezug auf einen Paradigmenwechel teilt nur neue Technologie mit der Innovation – nicht aber Technologie im Allgemeinen.

Technologie und Innovation weisen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten auf:

Technologie ist vor allem an der Machbarkeit interessiert. Innovation hingegen an der Wünschbarkeit.

Technologie basiert stark auf Logik - nicht umsonst endet das Wort mit «logie». In der Innovation hingegen gibt es oft ein Element der Unlogik - ein Element der Überraschung.

In der Technologie sind viele Probleme kompliziert. In der Innovation sind die Probleme immer öfters komplex.

Technologie ist in einigen wenigen Disziplinen zu Hause. Innovation kann in allen Disziplinen stattfinden.

Waren nicht viele der großen Innovationen technologischer Natur?

Ja, das stimmt. Der Faustkeil, das älteste bekannte Werkzeug der Gattung Homo, also unserer Vorfahren, war Technologie und Innovation zugleich.

Dasselbe gilt für die Dampfmaschine, die Glühbirne, das Telefon, das Flugzeug, das Internet und unzählige andere Beispiele.

Aber nur weil Technologie und Innovation so oft nebeneinander existieren, heißt das noch lange nicht, dass sie zusammengehören.

Ich möchte ihr Koexistieren mit einer Analogie vergleichen:

Die ersten Lebewesen, die fliegen konnten, waren Insekten. Über Millionen von Jahren waren sie die einzigen Lebewesen, die die Lüfte bevölkerten. Man hätte also durchaus zu dem Schluss kommen können, dass Fliegen und Insekten zusammengehören.

Doch dann konnten auch die Saurier (Pterosaurier) fliegen. Dann die Vögel. Und schließlich die Säugetiere mit Fledermäusen und Flughunden.

Die Innovation gehörte auch sehr lange zur Technologie. Aber heute ist es wichtiger denn je, Innovation von Technologie zu trennen. Innovation gehört allen. Alle Disziplinen können innovativ sein - auch ohne Technologie.

Und so sind Technologie und Innovation wie mein Zwillingsbruder und ich. Nein, wir sind nicht gleich. Und nein, es ist nicht egal, wen von uns du vor dir hast. Betrachte uns als eigenständige Wesen mit einigen Gemeinsamkeiten. Aber weitaus mehr Unterschiede.

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Wie aus dem Wunsch nach Innovation schnell Innovationstheater wird

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