Miravation wäre das passendere Wort für Innovation

Gleich vorweg: Nein, ich möchte kein neues Wort etablieren. Der Begriff “Innovation” hatte genug Zeit, um es schwierig zu machen, seinen Siegeszug aufzuhalten. Doch wie in meinem letzten Blogbeitrag ausgeführt, halte ich den Wortstamm von “Innovation”, nämlich das lateinische Wort “innovare”, erneuern, für irreführend.

Ich glaube, wir wären besser bedient, wenn es stattdessen “Miravation” heissen würde. Da es dieses Wort nicht gibt, erfinde ich einen möglichen Wörterbucheintrag:

Miravation (Substantiv, feminin)

Aussprache: /miʁaˈvaːʦi̯oːn/

Herkunft:
Abgeleitet vom lateinischen mirari (“staunen, sich wundern”) und dem Suffix -vation in Anlehnung an Innovation.

Definition:
Die Fähigkeit einer Person oder Organisation, eine Aufgabe oder ein Problem auf eine überraschende, nicht pfadfolgende Weise zu lösen. Miravation beschreibt den kreativen Bruch mit Erwartungen, der zur Entdeckung unerwarteter Lösungen führt. Dabei geht es nicht um bloße Neuerung, sondern um das Erzeugen von Staunen durch unkonventionelle, intelligente Wege der Problembewältigung.

Beispielsätze:

1.    Die radikale Neugestaltung der Lieferkette war kein Zufall, sondern das Ergebnis bewusster Miravation innerhalb des Unternehmens.

2.    Während andere sich an bestehende Muster hielten, zeigte das Start-up beeindruckende Miravation und revolutionierte den Markt.

Warum ich das Adjektiv “überraschend” für viel treffender halte als “neu”

Weil etwas, das überrascht, immer mit einer Erwartung bricht. Erwartungen sind “Annahmen über die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Ereignisses in der Zukunft”. Ein Ereignis zu erwarten bedeutet, es für wahrscheinlich zu halten, dass es eintritt. Etwas, das meiner Erwartung entspricht, kann durchaus neu sein. Aber es ist naheliegend, logisch, unkreativ.

Zudem spricht “überraschend” stärker die emotionale als die intellektuelle Ebene an. Ob etwas “neu” ist oder nicht lässt sich rational argumentieren – bei “überraschend” ist dies schwieriger. Genauso ist es auch mit Innovation. Wir können lange mit rationalen Argumenten darüber streiten, ob etwas nun innovativ ist oder nicht. Emotional ist die Entscheidung oft viel einfacher.

Und so schaffen wir mit dem Adjektiv “überraschend” eine wesentliche Bedingung für Innovation: dass sie etwas schafft, das nicht auf der Hand liegt. Etwas, das außerhalb der ausgetretenen Pfade liegt. Etwas, das emotional etwas in uns ausgelöst.

Wenn Innovation Miravation hieße, kämen wir gar nicht erst in Versuchung, inkrementelle Weiterentwicklungen in ihren Geltungsbereich einzubeziehen.

Und wir könnten einem anderen großen Missverständnis leichter entgegenwirken. Nämlich, dass Innovation etwas mit Technologie zu tun hat. Neue Technologien werden sehr oft mit Innovation gleichgesetzt. Das führt oft zu dem Glauben, dass Innovation in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen entsteht. Dass Innovationsteams sich immer mit den neuesten Technologien und Gadgets beschäftigen müssen. Dass bei jedem Innovationsevent Virtual-Reality-Brillen getragen und Drohnen geflogen werden müssen. Aber vieles davon ist längst keine Überraschung mehr. Für die meisten Unternehmen gilt: Der Möglichkeitsraum für Überraschungen ist außerhalb des Bereichs neuer Technologien um ein Vielfaches größer.

Miravation rüttelt auch an einer anderen heiligen Kuh: der datengetriebenen Entscheidungsfindung. Ja, wir können heute extrem viel messen. Und wir können unsere Entscheidungen auf der Grundlage vieler Daten treffen. Aber diese Entscheidungen sind naheliegend. Unkreativ. Nicht überraschend. Netflix und die anderen Tech-Unternehmen, die die alten Hollywood-Studios abgelöst haben, produzieren viele “neue” Filme und Serien auf Basis von Zuschauerdaten. Was entsteht? Prequels, Sequels, Spin-Offs und Reboots. Wenig Kreativität. Nichts Mutiges. Nichts Überraschendes. Das könnte man vielleicht als Innovation durchgehen lassen. Nicht aber als Miravation.

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Technologie und Innovation sind Halbgeschwister, keine Zwillinge

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Innovation ist eine unglückliche Wortschöpfung