Innovation ist eine unglückliche Wortschöpfung

Zugegeben, das Wort Innovation klingt gut. Es lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen, doch so richtig an Bekanntheit gewann es erst ab den 1930er Jahren durch Joseph Schumpeter.

Mit den Begriffen “Novum” und “innovare” hat Innovation einen Wortstamm, der vertraut klingt.

Doch genau dieser Wortstamm, also die Assoziation mit “neu”, “Neuheit”, “erneuern” und “Neuerung”, erweist der Disziplin Innovation leider einen Bärendienst.

Denn er suggeriert intuitiv, dass es bei Innovation um die Schaffung von Neuem geht. Und genau dem möchte ich an dieser Stelle widersprechen.

Das Wesen der Innovation ist nicht “das Neue”

Das Adjektiv “neu” hat vier Schwächen. Und obwohl diese auf den ersten Blick eher semantischer Natur sind, haben sie doch spürbare Konsequenzen für die Praxis.

Die erste Schwäche: Neu ist mehrdeutig.

Wenn ich in einem Schuhgeschäft ein Paar Schuhe kaufe, dann habe ich neue Schuhe. Und zwar unabhängig davon, ob es dieses Modell schon seit Jahren gibt. Neu bedeutet in diesem Fall “noch ungebraucht”. Neu steht auch für Dinge, die erst vor kurzem hergestellt wurden. Im Zusammenhang mit Innovation wird “neu” zwar anders verstanden - eher im Sinne von “erstmalig” -, doch führt diese Mehrdeutigkeit zu praktischen Problemen.

Wenn ein Unternehmen ein neues Produkt auf den Markt bringt, handelt es sich selten um eine echte Neuheit. Dennoch ist es ein neues Produkt, weil es neu entwickelt wurde. Damit wird deutlich, dass “neu” ein schlechtes Kriterium ist, um zu entscheiden, ob etwas in die Verantwortung der Produktentwicklung gehört oder den Innovationsprozess durchlaufen muss.

Die zweite Schwäche: Neu ist mehrdimensional.

Nehmen wir an, wir schließen die Bedeutungen “noch ungebraucht” und “erst kürzlich hergestellt” aus und definieren neu im Zusammenhang mit Innovation ausschließlich als “erstmalig”, so stoßen wir sehr schnell auf eine weitere Herausforderung. In welcher Dimension oder Flughöhe muss etwas “neu” sein? Wenn wir zum Beispiel ein Objekt in einer sehr tiefen Dimension betrachten, auf der molekularen Ebene, dann gleicht kein Objekt dem anderen - egal wie sehr sie sich ähneln. Jedes Billy-Regal von IKEA gibt es nur einmal.

Umgekehrt, wenn wir Objekte auf einer sehr hohen Ebene betrachten, auf der Ebene der Kategorien, dann gibt es kaum etwas “Erstmaliges”. Nehmen wir zum Beispiel die Erfindung des Automobils. Auf der Ebene der Kategorien ist das Auto ein Fortbewegungsmittel. Und Fortbewegungsmittel gab es schon Jahrtausende vor dem Auto.

Natürlich wird in der Praxis niemand argumentieren, dass alles neu ist, nur weil sich die Molekülstrukturen leicht unterscheiden, oder dass nichts neu ist, weil es diese Kategorie schon lange gab. Aber es wird schnell klar, dass es unmöglich ist, die richtige Flughöhe zu finden, auf der wir “neu” anwenden wollen, um Innovation zu definieren.

Die dritte Schwäche: Neu ist subjektiv und relativ.

Selbst wenn wir die ersten beiden Schwächen beheben könnten, stünden wir vor einer weiteren Herausforderung. Neu ist nämlich ein relatives (oder kontextabhängiges) Adjektiv, das immer einem “Alt” gegenübergestellt werden muss. So wie wir dunkel nur verstehen können, wenn wir wissen, was hell ist, so müssen wir wissen, was wir als “alt” betrachten. Und beide Adjektive sind subjektiv, d.h. was für eine Person oder Organisation alt und neu ist, muss für eine andere Person oder Organisation noch lange nicht gelten.

Auch im Patentrecht ist Neuheit ein Kriterium für Erfindungen. Hier sind aber sowohl das Subjekt als auch die Relation geklärt. Eine Erfindung ist dann neu, wenn es im Anmeldeland kein anderes Patent gibt, das die eigene Erfindung bereits enthält oder die eigene Erfindung in den Augen eines Experten zu einer naheliegenden, logischen Weiterentwicklung macht.

Leider ist das bei der Innovation nicht so einfach. Und das führt zu der Herausforderung, dass wir uns immer fragen müssen, für wen und in Bezug auf was etwas neu sein soll. Für einzelne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Unternehmens im Verhältnis zu ihrem unrecherchierten Wissensstand? Für das Unternehmen, bevor es sich ein Bild vom internationalen Wettbewerb gemacht hat? Für die Brache, wenn man die Lösungen anderer Branchen ignoriert? Für die Kunden, die sich nicht Tag für Tag mit solchen Fragen beschäftigen? Für die Welt? Da dies nicht leicht zu bestimmen ist, entscheiden sich viele Unternehmen dafür, das “Neu” in ihrer Innovationsdefinition als “Neu für unsere Organisation” zu definieren. Und schon landen viele Projekte im Innovationsmanagement, die kaum jemand intuitiv als Innovation bezeichnen würde.

Die vierte Schwäche: Neu ist wertfrei.

Die meiner Meinung nach größte Schwäche von “neu” ist jedoch, dass “neu” kein erstrebenswertes Ziel ist. Neu ist weder rational noch emotional positiv. Neu ist nicht besser. Ja, jetzt könnte man argumentieren, dass eines der Ziele von Innovation die Differenzierung vom Wettbewerb ist und dass neue Lösungen dafür gut geeignet sind. Und schon ersetzen wir das Adjektiv “neu” einmal durch “besser” und einmal durch “anders”.

Leider erfassen auch “besser” und “anders” das Wesen der Innovation nicht vollständig. Da es anstrengend ist, außerhalb der gewohnten Denkpfade zu denken, führt die Aufforderung, “bessere” Lösungen zu finden, oft zu Lösungen nach dem Muster “bisherige Lösung plus”. Zum Beispiel: Wir machen die heutige Lösung, aber kleiner, schneller, günstiger, schöner, mit mehr Features, usw. “Besser” zwingt uns nicht, unsere gewohnten Pfade zu verlassen.

Das Adjektiv “anders” beschreibt Innovation treffender als “besser” oder “neu”. Leider leidet es an den gleichen Schwächen wie “neu”. “Anders” auf welcher Flugebene? “Anders” für wen und in Bezug auf was? “Anders” hat zu wenig Kraft, um unser Denken mit Schwung aus den gewohnten Bahnen zu drängen.

Was dann?

Wenn es bei Innovation im Kern nicht darum geht, etwas Neues, Besseres oder Anderes zu schaffen, worum geht es dann? Meiner Meinung nach gibt es ein viel stärkeres Adjektiv für Innovation: “überraschend”.

Kam das jetzt überraschend? Im nächsten Blogbeitrag werde ich erläutern, warum ich davon überzeugt bin, dass “überraschend” ein viel besseres Adjektiv für Innovation ist als “neu”.

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Miravation wäre das passendere Wort für Innovation

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Von der Unmöglichkeit, Innovation zu definieren