Von der Unmöglichkeit, Innovation zu definieren
Was ist Kunst?
Wann ist eine Aneinanderreihung von Klängen Musik?
Bei der Beschreibung und Analyse der Welt sind wir durch unsere Sprache, unsere Sinne und unseren Verstand eingeschränkt.
Ich habe eine intuitive Vorstellung davon, was Innovation ist, aber ich habe noch keine Definition gefunden, die klar zwischen Innovation und Nicht-Innovation unterscheidet.
Ich habe einmal einen Evolutionsbiologen sagen hören, dass die systematische Einteilung von Lebewesen in verschiedene Kategorien (Taxonomie) ein Versuch des Menschen sei, Ordnung in die Welt zu bringen. Es gibt nicht nur eine Art von Taxonomie und dieser Ordnungsversuch ist ständigen Veränderungen unterworfen.
Der Natur ist es egal, wie wir sie klassifizieren. Sie existiert, unabhängig davon, wie wir sie zu ordnen versuchen.
So sehe ich auch die Innovation. Es gibt sie. Das wissen wir alle. Unsere Welt sieht heute so anders aus als vor 1000, vor 500, ja sogar vor 50 Jahren, nicht zuletzt wegen der Innovation. Ihr ist es allerdings egal, wie wir sie genau definieren.
Uns so bleibt der Versuch, sie in Worte zu fassen, genau das: ein Versuch. Ein Versuch, der nie ganz gelingen wird.
Ist es denn überhaupt wichtig, diesen Versuch zu wagen, Innovation zu definieren?
Ja.
Davon bin ich überzeugt. Denn wie wir etwas beschreiben, bestimmt, wie wir darüber denken. Eine Definition prägt unser Denkmodell darüber. Und unser Denkmodell macht das bewusste Innovieren einfacher – oder schwieriger.
Wenn ich diesen Versuch wage, dann muss ich zunächst einmal anerkennen, dass mit dem Wort Innovation sowohl ein Ergebnis - z.B. ein Produkt - als auch eine Fähigkeit, eine Disziplin, eine Kompetenz gemeint sein kann. Übrigens genau wie bei den eingangs erwähnten Begriffen Kunst und Musik.
Da in der Kunst für das Ergebnis oft der Begriff “Kunstwerk” verwendet wird, werde ich künftig von “Innovationswerk” sprechen, wenn ich Innovation als Ergebnis meine.
Wenn ich “Innovationswerk” definieren will, kann ich nicht die gleiche Definition verwenden wie für die Fähigkeit Innovation. Doch ist es überhaupt nötig, Innovationswerk zu definieren?
Ich persönlich halte dies für praktisch uninteressant. Ein Ergebnis wird nicht dadurch besser oder wertvoller, wenn man es als Innovation bezeichnen kann. Und eine Auflistung der möglichen Kategorien, in welche ein Innovationswerk fallen könnte, würde höchstens darauf hinweisen, wie vielfaltig, uneinheitlich und deshalb nutzlos diese Sichtweise ist:
Produkte, Dienstleistungen, Prozesse, Geschäftsmodellinnovationen, Organisationsinnovationen, Marketing- und Vertriebsinnovationen, Supply-Chain- und Logistikinnovationen, Soziale Innovationen, Ökologische oder Nachhaltigkeitsinnovationen, Organisatorische Prozess- bzw. Managementinnovationen, Technische Systeminnovationen, etc.
Ausserdem muss ein Ergebnis - z.B. ein Produkt - einen Mehrwert für die Nutzer haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine seit Jahrzehnten bewährte oder eine neu erfundene Lösung handelt.
Mit anderen Worten: Selbst wenn es möglich wäre, eine eindeutige Definition für “Innovationswerk” zu finden, so wäre diese Definition nur von akademischem Wert. Denn für die Wissenschaft mag es wichtig sein, Ergebnisse in verschiedenen Zeiträumen, Branchen oder Regionen quantifizieren zu können.
Für mich ist Innovation eine Fähigkeit. Eine Fähigkeit, die primär in und aus einem sozialen Konstrukt, meist einer Organisation, entsteht. Nicht einfach so. Sondern entgegen vieler Hindernisse.
Dieser Definition und damit der Essenz von Innovation auf den Grund zu gehen, könnte helfen, diese Fähigkeit mehr Organisationen zugänglich zu machen.
Und um dieser Essenz näher zu kommen, möchte ich das Wort “neu”, welches im Begriff der Innovation steckt, kritisch hinterfragen. Denn ich bin überzeugt, dass uns dieses Wort nicht zum Ziel führen wird und vielmehr Innovationstheater fördert.
Warum? Darüber schreibe ich im nächsten Blog-Beitrag.